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Neue Tacktick

Um 4:30 Uhr werde ich wach, schmiere mir ein paar dicke Stullen, mach mir nen Tee und schaue aus dem Panoramafenster über die Berge. 10 vor 6 Uhr hört es auf zu regnen. Ich sitze mit allen Klamotten die ich habe, bei 4 Grad, auf meinem Rad und rolle los.


So rolle ich erstmal bergab und werde für die Strapazen der Tage davor entlohnt. Das geht so schnell, dass ich sogar Tränen in den Augen bilden. Der Regen der letzten Tage zeigt seine Ausmaße. Manche Wiesen und Straßen sind geflutet.


Das Spiel aus Sonne (sobald sie denn mal aufgegangen ist 😉) und Wolken ist herlich anzusehen.

So radel ich an Supermärkten vorbei, die erst um 9 Uhr öffnen, und durch unzählige Tunnel. Jede Ausfahrt aus einem Tunnel ist eine neue Überraschung. Man weiß nie was kommt. Am Anfang ist es nur ein helle Reflektion an einer Wand, dann eine helle Öffnung die, umso größer sie wird, langsam ein Bild ergibt. Häufig ist es etwas grünes am Rand und wenn man dann endlich am Ausgang angekommen ist, dann scheint vielleicht die Sonne ins Gesicht, oder es regnet, vielleicht kommt man an eine Stelle mit Panoramablick über einen Fjord, einen Wasserfall oder oder oder. 😊


Viele Tunnel sind beleuchtet und das ganze Thema „Fahrrad und Tunnel“ ist viel zu heiß gekocht. Solange man nicht direkt nach einer Einfahrt auf der Mitte der Spur fährt, sondern seine Sinne einsetzt ist alles ganz normal.

Bis zu jenem Tunnel, welcher durch seine Länge von 499m und einer Kurve verdammt dunkel war.

Das Video ist auch auf YouTube.
Zugegeben, wenn man so lange allein unterwegs ist, dann kommen schon so einige dumme Ideen 😀.

Eine Kleinigkeit, die wahrscheinlich nur Radfahrer in den Bergen kennen. Wenn man so ganz allein dahin radelt und sich so manchem Berg dem Kampf gibt, dann ist das unglaublich erfreuend, wenn man Grüße von andern Verkehrsteilnehmern erhält. So kam mir eine Motorradcrew von bestimmt 10 Motorrädern entgegen und alle grüßten mit einem Lächeln im Gesicht. Ich kann nicht beschreiben wie schön das war, aber meine Mundwinkel haben fast an den Ohrläppchen gehangen. Ich habs mal versucht einzufangen:

Fast mit Freudentränen!

So langsam nähere ich mich Håra bei Røldal, welches das entscheidende Zwischenziel für heute ist. Ich nenne es nicht „Hora“ sondern „Hurra“ 😀. Ab hier besteht nämlich die Möglichkeit gegen 15:45 Uhr den Bus bis nach Odda zu nehmen, oder bei möglicher Mega-Energiereserven den Pass bei 1.200 m mit dem Rad zu überqueren. Ich befinde mich nach mehreren Berg- und Talfahrten bei 400m.
So erreichte ich nach 66 km diese wichtige Stelle um 12 Uhr, kehrte in ein Hotel ein, um dort die Wärme zu nutzen um mich aufzuwärmen, zu trocknen und bei möglichen leckeren Speisen meinen Magen mit einem Lachs zu füllen. Doch die nette Frau wies mich auf die Schließzeiten von 12 – 15 Uhr hin. 🙁

Verdammt! Ich war echt nass geschwitzt, weil ich mich ständig den Schwankungen zwischen 50 – 300 m hingegeben habe. Das nächste Restaurant war leider telefonisch nicht erreichbar, somit war nicht klar, ob sie geöffnet haben und so entschied ich mich vor Ort zu kochen. 😀

Küche Deluxe mit Mega Ausblick und frischer Luft

So wechselte ich erst einmal alle Klamotten und war so wieder warm eingepackt. Trank meinen Tee und aß meine immerwiederkehrende Mahlzeit „Fussili in grüner Pesto“.

Nach 2 Stunden Pause und neuer Energie entschied ich mich den Naturgewalten und somit den stärksten und zu gleich höchsten Anstieg zu stellen. 

Mehr kleine Pausen, mehr Ausblick genießen und keinen Stress. Keiner wartet auf dich.

So fuhr ich langsam bergauf, gaaanz langsam. Machte immer wieder Pausen. Manchmal auch schon nach 100 m und regulierte ständig die Jacke um nicht zu schwitzen aber auch nicht zu frieren. 

Da erreiche ich das besagte 2. Hotel mit Restaurant und kehre ein. Und was soll ich sagen – Geil! Buffett für 20€ inklusive Getränke, Kaffee und Lachs, Brokkoli und Kartoffeln. Ein Traum.

Ich verweilte dort ein wenig. Wurde auch dort wieder in ein Gespräch verwickelt und trank noch 2 Kaffee oben drauf. Eigentlich hätte ich mich auch schon schlafen legen können. 

Beim rausgehen nehme ich mir einen Mini Cupcacke mit. 

Der soll symbolisch auf der Bergspitze als Triumpf gegessen werden. Voller Energie steige ich in die Pedale und krak, krak und krak. Der Zahnriemen rutscht durch. Und genau mit diesem Thema habe ich mich nie beschäftigt. Wie stelle ich ihn ein? Naja, so schwierig kann es ja nicht sein. Die Zähne weisen leichte Kanten auf, womit die These des durchrutschens schonmal belegt ist. Eine kleine Justietschraube hilft die hintere Achse minimal zu verschieben. Und so war das Problem in Handumdrehen erledigt.

Nun kann es losgehen! 

Was ich mich so manchmal ärgert ist die Stellung des Fahrrades gegenüber dem Auto. Eigentlich war das Fahrrad doch, zeitlich gesehen, vor dem Auto erfunden. Wieso wird das Fahrrad aber dich immer wieder benachteiligt? Ein Beispiel: der Røldaltunnel mit fast 4,7 km lang und liegt auf ca. 1.000 m Höhe. Hier dürfen alle Motorbetriebenen Fahrzeuge durch. Fahrräder und Wanderer jedoch müssen über den 1.200 m hohen Pass bei Eis und Schnee. Das ist echt gemein. 

Naja, ich mache weiter immer wieder meine kleinen Pausen und fahre so im ersten Gang langsam nach oben. Die Schneegrenze ist schon längst erreicht.

Nach 1,5 Stunden „Green Day“ in den Ohren erreiche ich die besagte Passspitze. Springe vor Freude vom Rad, esse genüsslich den CupCacke und lege mich in den Schnee.

Comfort is the enemy of achievement.

Grinsend und nun nicht mehr Mensch sondern Tier (ich nenne mich ab sofort Eisbär 😄) rolle ich an doch noch beeindruckenderen Schneefeldern vorbei,

Auch Seeen, die noch Eis an der Oberfläche führten, waren keine Seltenheit.

Ein heftiger Gegenwind führte nun auch Regen mit sich und gab meinem Gesicht und meinen Fingern dieses schöne leichte Gefühl von Nadeln auf der Haut. Doch dann erreichte ich die Gegenseite vom Plateau.

Juhu! Nur noch 35 km bis zur Unterkunft. Ab jetzt kann es nur noch schöner werden. 

Und so wurde es auch schöner. Ich rollte bergab, fand eine kleine Hütte ich der ich mich aufwärmen konnte und rollte und rollte nach Odda.

Vorbei an Regenbögen:

entlang am Fluss 

und dem Låtefossen. Einem Wasserfall der eigentlich aus  zweien besteht. Da ich haber schon genug Fotos von Wasserfällen auf meiner Festplatte habe, gibt’s kein Foto davon. 

Am Sandvevavnet, dem See vor Odda bot sich dann noch dieses Schauspiel aus Sonne und Wolken.


Nach einem kleinen Einkauf, mit frischem Brot, kehrte ich gegen 20 Uhr in meine 3-Bett-Hütte ein. Auf dem Weg zur Dusche lernte ich noch Piège, Clément und Jorid kennen. Die drei aus Toulouse radeln ebenfalls durch Norwegen. Wir lachten viel und zeigten uns gegenseitig die Orte an denen wir geschlafen haben. Sie boten mir sogar noch warmes Essen an, welches ich dankend entgegennahm.

In der Hütte brach ich nach 114 km in 10 Stunden auf dem Rad einfach zusammen und schlief ein.

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